Es ist eine Freude, Menschen zu stärken

Fachtagung für Mitglieder in der Selbstverwaltung

Rund 80 Selbstverwalter aus Baden-Württemberg haben nach der Sozialwahl 2017 ihre Arbeit aufgenommen. Sie engagieren sich bei der AOK Baden-Württemberg sowie den Rentenversicherungen Bund und Baden-Württemberg in den Selbstverwaltungsgremien oder als Versichertenberater und Bezirksräte . 25 von ihnen trafen sich im Oktober 2018 zum Austausch in Herrenberg.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Fachtagung
Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Fachtagung. Bild: Martina Lachenmaier

„Ich kann meine Begabung mit Zahlen und Formularen umzugehen, sinnvoll einbringen. Darüber hinaus ist es mir eine Freude, Menschen zu stärken. Erleichterung und Dankbarkeit kommen mir entgegen, wenn ich vermittle: Das packen wir gemeinsam an“, so Maria Schreiber, langjährige Versichertenberaterin. „Wir erfahren viel von konkreter Not, von Wissenslücken bei Versicherten und von Lücken im Versicherungssystem. Ich sehe es als meine Aufgabe, die Themen in unserer Kirchengemeinde und in unseren Verbänden bekannt zu machen“, sagt Gerlinde Uhl, Bezirksrätin bei der AOK.

„Die Zukunft der Sozialversicherungssysteme gestalten“, war das Thema im Gespräch mit Professor Dr. Laurenz Mülheims von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, Fachbereich Sozialpolitik und soziale Sicherung. Wer 45 Jahre zum Mindestlohn arbeitet, erhält im derzeitigen System eine Rente von 600 Euro. Nicht nachhaltig sei, dass 7,5 Millionen Menschen mittlerweile Mini- und Midi- Jobs hätten. 4,5 Millionen haben sogar ausschließlich Minijobs. 1,2 Millionen Menschen fallen unter die Arbeitslosengeld-II-Aufstockung.

Von 4 Millionen Selbständigen seien 10% in der gesetzlichen Rentenversicherung.  Der Referent nennt die Zahl von 2 Millionen selbständigen „Ich-AGs“. Damit ist der Reformbedarf bereits skizziert. Ein Webfehler des derzeitigen Systems sei, dass nicht alle in der gesetzlichen Sozialversicherung aufgenommen sind. Beamte, Selbständige und  Landwirte fehlen.

Ein weiteres durchgängiges Problem deutet der Referent an: „Player greifen Mittel ab.“

Mülheims hinterfragt den Nutzen des Wettbewerbs zwischen den Krankenkassen.

Er fordert die Zuhörer auch heraus mit der Frage: Wenn während des Arbeitslebens regelmäßig 10% des Lohnes/Gehaltes angespart wird, wie lange könnte man davon leben?  Und andererseits, reichen 7% des Lohnes /Gehaltes aus, um umfassend für die Gesundheit zu sorgen?

In seinem Fachbereich werden Studenten ausgebildet, die später im mittleren Management Verantwortung nehmen. Hier arbeite man in der Lehre daran, dass die fünf Zweige der Sozialversicherung mehr zusammengedacht werden. Er nennt das Beispiel REHA . Hier sei viel mehr Austausch zwischen Kranken- und Unfallversicherung notwendig. Die Studenten werden auch angeleitet, grundsätzlich über Sinn und Ziel sozialer Sicherung nachzudenken. So etwa über den Lebenslagenansatz, der ein Umdenken erfordert. Derzeit werden in den Sozialversicherungen  Lebensrisiken versichert. Ausgenommen die Rentenversicherung, denn Altern sei kein Lebensrisiko. Lehrthema sei auch oder das bedingungslose Grundeinkommen.  „Wer Veränderung bewirken will, muss das mittlere Management dafür gewinnen“, ist Mülheims überzeugt. Der große Wurf lasse lange auf sich warten.

Er fordert die ACA-ler*innen auf, das Thema soziale Sicherung  „härter zu diskutieren“. Ermuntert dazu, sich einzumischen, zu publizieren, Kontakte zu den Bundestagsabgeordneten zu suchen und: zu demonstrieren.

Mit dem Kontakt untereinander, Vernetzung und nächsten Schritten zur Delegiertenversammlung im

Oktober 2019 ist für diese Amtsperiode ein Anfang gemacht. Es bleibt viel zu tun. Freuen wir uns an dem, was wir bereits bewegen. Zum Beispiel mit dem Rentenmodell der Verbände.

Maria Sinz